Koreareport

 

Konferenzbericht: Korea in the 21st century – Challenges for a Newly Advanced Economy

Am 1. Juli 2005 fand in den eindrucksvollen Räumlichkeiten der Industrie- und Kreditbank (IKB) in Düsseldorf die Konferenz „Korea in the 21st century – Challenges for a Newly Advanced Economy from a German Perspective“ statt. Im Mittelpunkt stand die Ausgangsthese der Tagung, dass die Republik Korea als inzwischen fortgeschrittene Volkswirtschaft („newly advanced economy“) vor ähnlichen Herausforderungen steht wie etwa die Bundesrepublik. Dies werde, so die These, in Deutschland viel zu wenig wahrgenommen, Korea immer noch als eines von vielen Schwellenländern unterschätzt.

Hochkarätige Experten aus Deutschland und Korea referierten zu vier Themenkomplexen, anhand derer diese Generalthese aufgenommen wurde. Die Gäste aus Korea gaben eine Übersicht des Status Quo in Korea und zeigten Entwicklungen auf. Die deutschen Koreferenten zogen Parallelen zur Situation in Deutschland und gingen, wo möglich, auf Potenziale deutsch-koreanischer Zusammenarbeit ein, gefolgt von einer zum Teil außerordentlich lebhaften Diskussion.

Zu Beginn der Konferenz begrüßten der koreanische Generalkonsul Choeng-Sook Lee und der Tagungs-Organisator Professor Dr. Werner Pascha von der Universität Duisburg-Essen die Teilnehmer. Ein erster Themenblock betraf dann das zukünftige Verhältnis von Staat und Wirtschaft. Kann Korea noch wie früher eine stark interventionistische, strategisch orientierte Industriepolitik betreiben? Dr. Wook Chae vom Korea Institute of International Economic Policy und Professor Dr. Peter Mayer von der Universität Osnabrück zeigten, dass sich die Rolle des Staates in einer reifen Wirtschaft durchaus verändert. Es wurde jedoch kontrovers diskutiert, was der Staat angesichts von Globalisierung und Druck internationaler Organisationen intern noch bewegen kann und welchen Handlungsspielraum er sich dabei nicht absprechen lassen sollte. Wie ein roter Faden zog sich diese Problematik, die offenbar keine leichte Antwort erlaubt, durch den Tag. Nach dem Mittagsimbiss diskutierten Dr. Sung-Hee Jwa, bis April Präsident des Korea Economic Research Institute, und Jürgen Wöhler, Vorsitzender des Deutsch-Koreanischen Wirtschaftskreises, industrielle Strukturänderungen. Sowohl die Produktpalette als auch die in Korea noch sehr auf Großkonzerne ausgerichtete Industrieorganisation unterliegen einem Wandel – müssen sich auch weiter ausdifferenzieren. Jwa sah die Gefahr, dass die 1987 in der Verfassung verankerte Wirtschaftsdemokratie den Wandel eher schwieriger gemacht als der Wirtschaft einen klaren Rahmen gesetzt hat – auch dies eine rege diskutierte These. In einem „Intermezzo“ sprach die Vorsitzende der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung NRW, Petra Wassner, zur Kooperation zwischen Korea und Nordrhein-Westfalen, einem bedeutenden Standort für Investitionen aus dem ostasiatischen Land. Frau Wassner wurde von einer Gruppe koreanischer Journalisten namhafter Zeitungen sowie Fernsehsender begleitet. In der dritten Sitzung sprach Prof. Dr. Martin Hemmert, ein Deutscher an der Korea University in Seoul, zu Innovation und technologischem Wandel – Themen, die für fortgeschrittene Wirtschaften offenkundig von allergrößter Bedeutung sind. Neben der inzwischen bekannt starken Stellung von Firmen wie Samsung Electronics konnte Hemmert darauf verweisen, dass es inzwischen auch aus dem Mittelstand bzw. bei Neugründungen hightech-intensive Unternehmen gibt. Hier wie im Bildungsbereich liegt ein noch weitgehend brachliegendes Potenzial zukünftiger Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Korea. In der letzten Sitzung diskutierten Prof. Jin-Ho Yoon von der Inha Universität und Prof. Dr. Gerhard Bosch vom Institut für Arbeit und Technik (Gelsenkirchen) ein besonders sensibles Thema: die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, eine zentrale Größe für das nachhaltige Gedeihen einer fortgeschrittenen Wirtschaft. Während die häufigen Konflikte inzwischen fast schon zum Klischee von Korea wurden, wusste Yoon zu argumentieren, dass sich in der Aggressivität mancher Gewerkschaften eher eine Schwäche angesichts eines sich abzeichnenden Bedeutungsrückgangs dokumentiert. Verschiedene Szenarien wurden durchdacht, wie in fortgeschrittenen Ländern – wie den beiden hier vertretenen – Arbeitnehmerinteressen produktiv in den wirtschaftlichen Fortschritt eingebunden werden können.

Nach abschließenden Diskussionen versuchte Werner Pascha ein vorsichtiges Fazit im Hinblick auf die Ausgangsfrage nach Korea als „newly advanced economy“. Im Laufe des Tages war immer deutlicher geworden, wie sehr sich Korea inzwischen von den Themen einer Entwicklungsökonomik gelöst hat. Die aussagekräftigen internationalen Vergleiche zum technischen Fortschritt etwa machten das überaus klar. Gleichzeitig war deutlich geworden, dass Korea noch kein zeitgemäßes, stabiles Modell zur Kooperation von Wirtschaft und Staat im Interesse des Landes, kompatibel mit der Welt, gefunden hat. Damit ist es aber nicht allein; auch für Deutschland stellt sich bekanntlich die Frage, wie mit dem Vermächtnis einer sozialen Marktwirtschaft heute noch sinnvoll umzugehen ist.

Nach Abschluss des offiziellen Programms durch den Co-Organisator Jürgen Wöhler bestand Gelegenheit, bei Düsseldorfer Altbier und reichhaltigem Abendbüffet die angeregte Diskussion in Einzelgesprächen fortzusetzen, was den Konferenztag in jeder Hinsicht zufrieden stellend abrundete. Ein besonderer Dank des veranstaltenden Duisburger Instituts für Ostasienwissenschaften (IN-EAST) gilt den Sponsoren und Kooperationspartnern, die die Durchführung der Konferenz ermöglicht haben: allen voran der Korea Foundation, der Haniel-Stiftung, dem Deutsch-Koreanischen Wirtschaftskreis, der IKB sowie der GfW NRW und nicht zuletzt der diplomatischen Vertretung der Republik Korea. Die Organisatoren freuen sich über den Erfolg, auch wenn die Aufgabe, Südkorea weiterhin als zunehmend reifes, fortgeschrittenes Partnerland für die Bundesrepublik bekannter zu machen, fortbesteht. Die Veranstaltung, im Rahmen des Korea-Jahrs in Deutschland 2005 durchgeführt, konnte hierzu nur einer von vielen Schritten sein.