Korea Hintergrund

Ein Semester an der Seoul National University

von Benjamin Neuß

Der Weg zu der angesehensten Universität in ganz Korea ist lang und hart. Dies bezieht sich nicht nur auf die geistigen Anstrengungen, die ein koreanischer Schüler leisten muss, um die Aufnahmeprüfung der Seoul National University zu bestehen. Auch die Anforderungen an die körperliche Kondition sind nicht zu unterschätzen. Dies war jedenfalls mein Eindruck, als ich im vergangenen September zum ersten Mal einen Fuß auf den weit ausgedehnten Campus dieser Universität setzte. Auf der Suche nach der Deutschen-Pädagogischen-Abteilung, bei der ich mich melden sollte, musste so mancher Anstieg und so manche Treppenstufe überwunden werden. Der Muskelkater für die nächsten Tage war also schon absehbar. Die Anstrengungen sollten sich dennoch bezahlt machen, wie sich später herausstellte.

Als ich während des Sommersemesters an der Universität Bonn die freudige Nachricht erhielt, dass mir ein einjähriger Aufenthalt an der koreanischen Partneruniversität mittels eines Stipendiums ermöglicht werden sollte, sah mein Plan wie folgt aus: Informationen sammeln über die Geschichte der Deutsch-Koreanischen Beziehungen, welches Thema meiner Diplom-Arbeit sein wird. Des weiteren den Aufenthalt für den Erwerb der koreanischen Sprache nutzen. Zu diesem Zwecke wollte ich eine Sprachschule besuchen, oder direkt an der Universität Sprachkurse belegen.

Schon kurz nachdem ich in Korea angekommen war, führte mich mein Weg zu der Seoul National University. Auf dem Campus stehend war ich doch etwas überrascht darüber, dort als erstes auf meine Bonner Kommilitonin Eheline Süssman zu treffen. Sie war ebenfalls mit einem Stipendium nach Korea gekommen, und wie ich auf der Suche nach dem Büro von Frau Kwang-sook Lie, Professorin der Deutschen-Pädagogischen Abteilung, das unsere erste Anlaufstelle in Korea sein sollte. Gemeinsam ließ sich die Suche schon leichter bewerkstelligen, und nach der freundlichen Auskunft einiger Passanten, gelangten wir schließlich an unser Ziel.  

Frau Prof. Lie stellte sich als eine sehr freundliche, fließend deutsch sprechende Person heraus. Im Laufe des Gesprächs, das sich hauptsächlich um die Schwierigkeiten des Fremdsprachenlernens drehte, schlug sie vor, dass wir doch auch ein paar Stunden an dem regulären Unterricht als Gasthörer teilnehmen könnten.

Ich stand dem Vorschlag im Hinblick auf meine noch sehr bescheidenen Koreanischkenntnissen zuerst etwas skeptisch gegenüber. Die Chance, das 'echte’ Studentenleben an einer koreanischen Universität kennen zu lernen, wollte ich mir dennoch nicht entgehen lassen.

Auf unserem Weg in die deutsche Abteilung war bereits eines auffällig gewesen: Die benachbarte Englisch-Abteilung erfreute sich einer solchen Beliebtheit, dass man nur mit sehr viel Mühe an den vielen Studenten, die vor dem Eingang versammelt waren, vorbeikam. Am Ziel angelangt konnte man sich dann aber über Platzmangel nicht mehr beklagen.

Auch im Klassenraum wurde durch die geringe Zahl der Studenten deutlich: Deutsch gehört nicht mehr zu der zweitbeliebtesten Fremdsprache nach Englisch.

Im Gespräch mit Studenten wurde diese Situation verständlicher. Ein Studienabschluss garantiert nicht mehr wie früher eine Anstellung, die Konkurrenz ist härter geworden. Aus diesem Grund werden die Fächer gewählt, von denen man sich den größten praktischen Nutzen für den späteren Beruf verspricht. Sprachen wie Englisch, aber auch Japanisch und Chinesisch sind dadurch attraktiver geworden. Im Gegenzug ist das Interesse am Deutschlernen gesunken, ebenso der Bedarf an Deutschlehrern.

Die ersten Unterrichtsstunden waren wahrscheinlich für alle Beteiligten etwas ungewöhnlich, auch für die koreanischen Studenten. War es für sie doch das erste Mal, dass Deutsche mit im Klassenraum saßen. Die anfängliche Befangenheit wich aber mit der Zeit einer zunehmenden Gelassenheit im Umgang mit uns Ausländern. Bald darauf konnte schon die erste Arbeitsgruppe zum gemeinsamen Deutsch-, und Koreanischlernen gebildet werden, die sich jeweils für ein, zwei Stunden nach dem Unterricht traf. Dabei erwies sich der Umgang miteinander, trotz mancher Verständigungsschwierigkeiten, als erstaunlich unkompliziert.

Während des Semesters hatte ich die Gelegenheit an zwei sehr unterschiedlichen Seminaren teilzunehmen. Das eine beschäftigte sich mit der deutschen Kinder-, und Jugendliteratur, das andere hatte die Grundlagen der deutschen Sprachwissenschaft zum Thema. Zugegeben, vor Korea war mein Bild vom koreanischen Unterricht mit so manchem Vorurteil belastet. Viele Deutsche sind der Meinung: Koreanische Studenten lernen meist nur auswendig, sie werden kaum zum eigenständigen Denken angeregt, der Unterricht findet vorzugsweise frontal statt usw. Die Lehrer zeigten sich jedoch in beiden Fächern bemüht, die Studenten durch Fragen in den Unterricht mit einzubeziehen, des Weiteren war das Erarbeiten eines Referates obligatorisch für das Bestehen eines Kurses. Die oben genannten Vorurteile ließen sich jetzt so ohne weiteres nicht mehr Nachvollziehen.  Bei der Art und Weise, wie ein Referat gehalten wird, sind Unterschiede allerdings deutlicher zu erkennen gewesen. So wird im Referat nicht verlangt, den Kerninhalt eines Themas den anderen Studenten, gestützt auf ein Thesenpapier, in freier Wortwahl näher zu bringen, wie es in Deutschland üblich ist. Stattdessen werden bis zu 15 seitige Arbeiten verfasst und im Unterricht vorgelesen.

Neben meinem Interesse am Aufbau des Unterrichts, drängte sich mir noch eine andere Frage auf: sind die Studenten, die hier studieren, fleißiger, strebsamer oder gar intelligenter als die von anderen Universitäten? Schließlich ist die Seoul National University die angesehenste Universität von ganz Süd-Korea. Tatsache ist, die Auflagen für das Bestehen der Aufnahmeprüfung sind enorm. Für einen Bewerber an der Deutschen-Pädagogische Abteilung ist ein vertieftes Allgemeinwissen Voraussetzung. So müssen z.B. auch schwierige Fragen im Bereich der Mathematik oder zu anderen naturwissenschaftlichen Themen gelöst werden.

Ein gewisser Stolz lässt sich demnach schon bei einigen Studenten erkennen. Auch ist man sich sicher: Im Vergleich zu anderen Universitäten Koreas wird hier fleißiger und ernsthafter studiert. Ein Beweis dafür sei ja schon die etwas abgeschiedene Lage der Universität mit Abstand zu Kneipen und Restaurants. Leugnen lässt sich dies tatsächlich nicht. Um zur nächsten Kneipe zu gelangen muss man immerhin ein paar Stationen mit dem Bus in Kauf nehmen. Das aber auch Studenten der Seoul National University einem Bierchen nicht abgeneigt sind, kann ich nach Beendigung dieses Semesters allerdings auch bestätigen.

Den Vorschlag von Frau Prof. Lie anzunehmen stellte sich im nachhinein als eine gute Entscheidung heraus. Aufgrund der Sprachhürde gibt es nur sehr wenige ausländische Studenten in Korea. Um so mehr weiß ich zu schätzen, dass mir dieser Einblick in das Alltagsleben einer koreanischen Universität ermöglicht wurde, auch wenn man für diese Erfahrung manchmal anstrengende Wege zurücklegen musste.