Korea Hintergrund

Freundschaft zeigt sich eben in der Not

(Frau Shin Kil-soon ist einigen Mitgliedern der DKG als Reiseführerin von gemeinsamen Gruppenreisen bekannt.)

Inder Ferne ragen klotzige Apartmenthäuser in den Himmel und spießen die dunklen Wolken am Horizont auf. Die Monsunzeit rückt näher, die Luft ist feucht. Im Zwei-Minuten-Takt dröhnen Flugzeuge im Landeanflug über die Köpfe der Frauen hinweg, die auf dem Dach eines der letzten zweistöckigen Backsteinhäuser im Seouler Stadtteil Gochoek-dong zusammensitzen und Soju-Schnaps trinken. Im Mittelpunkt der Party: Shin Kil-soon, die Gastgeberin, und ihre deutsche Freundin Erika Eichwald.

Die schwüle Luft hat die Frauen aufs Dach getrieben, in Kil-soons kleiner Wohnung gibt es keine Air-Condition. Erika lehnt an einem Tonbottich mit Kimchi, eingelegtem Chinakohl, und schaut ihrer Freundin amüsiert zu. "Ich sehe dich die ganze Zeit trinken", sagt sie. Die Koreanerin zuckt mit den Schultern und streckt Erika mit beiden Händen ihr leeres Glas entgegen. "Ich habe halt Durst", sagt sie und lacht.

Fünf Jahre haben sich die 54-jährige Dolmetscherin aus Seoul und die neun Jahre ältere Maschinenbau-Ingenieurin aus Weingarten in Oberschwaben nicht mehr gesehen. Seit 1979 sind sie befreundet, aber diese letzten fünf Jahre, in denen sie sich nur Briefe und E-Mails schrieben und so viel aneinander dachten wie nie zuvor, waren die wichtigsten in ihrer Freundschaft. Es war die Zeit, in der Kil-soon beinah gestorben wäre. Es wird einige Tage dauern, bis die beiden das Thema darauf bringen können. Nicht gleich am ersten Abend und schon gar nicht auf einer Party, da reden die Frauen lieber über die alten Zeiten. Hier in Seoul haben sie sich vor mehr als 20 Jahren kennen gelernt. Erikas Mann organisierte damals den Aufbau einer Berufsschule für Maschinenbau, für vier Jahre war das Paar nach Korea gezogen. Eine gemeinsame Bekannte stellte sie einander vor. "Kil-soon wirkte so unglaublich bescheiden, sie war mir sofort sympathisch", sagt Erika. "Ich wusste über sie, dass sie ihre zwei kleinen Kinder fast allein durchbrachte, weil ihr Mann ständig geschäftlich unterwegs war, und dass nie genug Geld da war."

Kil-soon hatte sich immer eine deutsche Freundin gewünscht, seit sie mit Anfang 20 ein paar Jahre in Deutschland als Schwesternschülerin gearbeitet hatte. Sie mochte die Sprache, hatte aber kaum mehr Gelegenheit, sie zu üben. Zwar gab es in Seoul einen Verein von Krankenschwestern, die wie sie in Deutschland gewesen waren, aber dort traute sie sich nicht hin, weil sie ihr Deutsch zu schlecht fand. Als sie Erika davon erzählte, machte die ihr Mut und begleitete sie zum ersten Treffen. "Erika habe ich sofort vertraut; ihr konnte ich alles offenbaren. Sie hat mein Deutsch gelobt und darauf bestanden, dass ich ihr übersetze - das hat mich stolz gemacht", sagt Kil-soon.

Heute sind die Ex-Krankenschwestern ihre Freundinnen, und viele sind zur Willkommensfeier für Erika gekommen. Ihr zuliebe sprechen sie auch untereinander Deutsch. Und am Ende des Abends trinken sie noch miteinander Brüderschaft, nach alter deutscher Sitte. Später legt sich Erika zum Schlafen neben Kil-soon auf eine einfache Decke auf den Fußboden.

Früher hätte es das nicht gegeben: Während ihrer vier Jahre in Seoul hatte Kil-soon Erika nie zu sich eingeladen, sie schämte sich viel zu sehr für die kleine Wohnung. Lieber fuhr sie zwei Stunden mit dem Bus auf die südliche Seite des Han-Flusses, um die Eichwalds und ihre drei Kinder zu besuchen.

Eines der Kinder ist Kil-soon besonders an Herz gewachsen: Daniel, ein koreanisches Straßenkind, das die Eichwalds 1978 als Fünfjährigen adoptiert hatten. Der Junge war vom Vater misshandelt worden, anfangs lehnte er alles Koreanische ab, lange auch Kil-soon. Und die schämte sich dafür, dass damals in ihrem Land uneheliche Kinder als Familienschande betrachtet und zur Auslandsadoption freigegeben wurden. Als Daniel dann mit Mitte 20 begann, nach seiner Herkunft zu forschen, nahm Kil-soon die Suche in die Hand: Fünf Wochen befragte sie alle, die etwas über seine Familie wissen konnten, stöberte in amtlichen Akten und fand schließlich heraus, wo Daniels Vater sich aufhielt. Als Daniel ihn traf, war Kil-soon an seiner Seite. Von da an war sie nicht mehr nur seine Dolmetscherin, sondern auch seine engste Vertraute. Und Korea war ihm auf einmal so nah, dass er sich, zurück in Deutschland, respektvoll vor seinen verdutzten Eltern verbeugte, ganz nach koreanischer Tradition. Erika sagt: "Ohne Kil-soon hätte Daniel keine Chance gehabt, sich mit seiner koreanischen Herkunft so intensiv zu beschäftigen."

Erikas Augen suchen Vertrautes, als sie am nächsten Tag mit Kil-soon durch Seoul bummelt. Damals, Ende der 70er Jahre, als sie neu nach Korea kam, war die Stadt ihr völlig Fremd. Durch den Bauboom seit den 80er Jahren ist sie ihr jetzt wieder fremd geworden, das Verkehrschaos und die neuen Einkaufstempel gefallen Erika überhaupt nicht. Lieber geht sie an Orte, die sie unverändert vorzufinden hofft: den exotischen NamdaemunMarkt, den buddhistischen Bongeunsa-Ternpel.

Im Künstlerviertel Insa-dong steuern die beiden Frauen ein Teehaus an. Kil-soon lächelt zufrieden, als Erika wie selbstverständlich die Schuhe auszieht und sich an den 40 Zentimeter hohen Tisch setzt. Jetzt ist Ruhe genug, über all das zu sprechen, was passiert ist in den fünf Jahren seit Erikas letztem Besuch. "Ich hatte keine Angst vor dem Sterben, wenn Gott es so beschlossen hätte", sagt Kil-soon. Beinahe wäre sie tatsächlich gestorben, an einem Hirntumor, groß wie ein Tischtennisball.

Die Diagnose kannten beide noch nicht, als sie sich Ende 199 % auf dem Seouler Flughafen verabschiedeten. Erika hatte ihre Freundin länger und inniger umarmt, als sie es sonst tat. Für sie war unübersehbar gewesen, dass es Kil-soon nicht gut ging: Sie litt an Seh- und Gleichgewichtsstörungen, ihr Gang war wacklig, die Schrift krakelig. Die Koreanerin aber spielte ihre Krankheit herunter, und auch ihr Mann Young-hee behauptete: Du bist nur überlastet. Ihm hatte es sowieso nie gefallen, dass Kil-soon arbeitete, aber er hatte zustimmen müssen, weil es seiner Holzimportfirma schlecht ging und die Familie ständig Geldsorgen hatte.

2000 Mark drückte Erika der Freundin kurz vor dem Abflug in die Hand und hoffte, sie würde das Geld nicht für die Familie, sondern für die dringend nötige Computertomografie verwenden. Der Rückflug war furchtbar, Erika war traurig, ihre Freundin gerade jetzt allein lassen zu müssen. Kil-soon aber ließ sich tatsächlich untersuchen. Anfang 98 wurde sie operiert, elf Stunden dauerte der Eingriff. Fünf Monate lag sie danach im Koma. In ihrem Dämmerzustand merkte sie nicht, dass ihr Mann Young-hee sie nicht mehr besuchen kam. Und als sie schließlich wieder zu sich kam, wagte zunächst niemand, ihr zu erzählen, was in der Zwischenzeit passiert war. Ein Geistlicher sagte ihr schließlich die Wahrheit: dass Young-hee einen Autounfall in Malaysia gehabt hatte, zwei Wochen nach der Operation. Dass er dabei umgekommen war. Dass Tochter Song-kyung nach Kuala Lumpur gefahren war, um seine Asche zu holen.

Die Monate im Krankenhaus verschlangen alles Geld der Familie. Erika hatte von Kil-soon zuvor eine Liste mit den Namen deutscher Bekannter erhalten, die sie im Fall ihres Todes informieren sollte. Nun rief sie jeden einzelnen an und bat um Spenden für die Krankenhausrechnung. Mit Erfolg.

Kil-sonn ist ihr noch immer dankbar. Fast unterwürfig klingt es, wenn sie sagt: "Du hast mir immer geholfen, und ich konnte dir nichts geben. Ich bin dir eine Last." Erika zuckt abwehrend mit den Schultern: .,Freundschaft beweist sich halt in der Not."

Nach einem halben Jahr wurde Kil-sonn als Pflegefall aus der Klinik entlassen. Ihre Tochter brach ihr Studium ab, um sich rund um die Uhr um sie kümmern zu können. Ganz langsam erholte sie sich, sie nahm auch ihre Arbeit als Reiseleiterin wieder auf. Zuerst führte sie nur Seniorengruppen, "da fiel es nicht so auf, dass ich nicht so schnell laufen konnte".

Erika sieht, dass sich bei ihrer Freundin mit der Heilung auch ein anderer Wandel vollzogen hat: von der aufopferungsvollen Person hin zur selbstbewussten berufstätigen Frau, die dank ihrer Deutschkenntnisse gutes Geld verdient. "Bei allem Verständnis für die koreanische Kultur", sagt Erika, "die Unterwürfigkeit der Frauen war mir von Anfang an ein Dorn im Auge." Die Zeiten, in denen Kil-sonn an ihrem Deutsch zweifelte und nur an die Familie dachte, sind vorbei. Inzwischen ist sie als Dolmetscherin sehr gefragt. Sie war es, die während der Fußball-WM 2002 in den Pressekonferenzen neben Rudi Völler saß. Jetzt kennt sie seinen Spitznamen "Tante Käthe" und kann Fachwörter wie "Viererkette" übersetzen. Und über ihrem Küchentisch hängt eine Autogrammkarte von Olli Kahn.

Unter den gemeinsamen Freunden der beiden Frauen ist Pater Fischer einer der ältesten und beständigsten. Der Katholik aus dem Bistum Regensburg kümmert sich seit fast 40 Jahren um den Aufbau der Behindertenarbeit in Korea. Anfangs zog er von Dorf zu Dorf, manchmal kam er zu Bauernfamilien, die ihre behinderten Kinder in dunklen Ställen versteckten. Auch Erika engagiert sich für Behinderte. Vor vier Jahren baute sie die .,Arche Ravensburg e. V" auf, ein Wohnprojekt, in dem Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. Ober 110 Archen gibt es weltweit, drei davon in Deutschland.

Das Wiedersehen mir dem Pater ist herzlich, mit dem Jeep fahren sie zusammen ins 100 Kilometer entfernte Yeoju, eine kleine Stadt im hügeligen Landesinneren. Grün leuchten die Reis

Setzlinge auf den Feldern, dann erreicht der Wagen das Haus Raphael, ein Waisenhaus für Kinder mit mehrfacher Behinderung. In einem Zimmer sitzt ein siebenjähriges Mädchen schaukelnd auf dem gelben Linoleumboden, sie ist Autistin und die Jüngste im Heim. Aus dem Nebenraum dringt Heavy-Metal-Musik. Sechs Jugendliche, teils stehend, teils auf den Knien, wiegen ihre Körper. Pater Fischer hebt die Schultern: "Ob sie die Musik hören, weiß ich nicht." Die Frauen helfen beim Abendessen, füttern die Kinder mit Rettichsuppe, Rindfleisch und Reis.

Zurück in Seoul wartet Kil-soons Tochter Song-kyung, um Erika zu begrüßen. Ihr zwei Jahre älterer Bruder Song-jun studiert in Deutschland und hat, bis er schließlich eine eigene Wohnung fand, beiden Eichwalds gewohnt. Kil-soon streicht ihrer Tochter übers Haar. "Ihr verdanke ich meine Genesung, viel mehr noch als den Ärzten im Krankenhaus."

Kil-soon vertraut vor allem auf traditionelle Medizin: Täglich wendet sie Heilkräuter, Akupressur und Hand-Akupunktur an. Kil-soon zuliebe hatte sich Erika einmal vom Erfinder der koreanischen Hand-Akupunktur, Dr. Yoo Tae-woo, behandeln lassen. Aber es wurde ihr zu heikel, als der Arzt mit Beifuß gefüllte Moxa-Kerzen auf der Innenseite ihrer Hand anzündete. "Ich schwöre auf Heilfasten", sagt sie. Kil-soon lacht: "Was Disziplin angeht, ist Erika nicht zu übertreffen." Und meint damit nicht nur die Fastenkuren: "Als ich 1988 bei ihr in Deutschland war, hat mich ihr ökologisches Bewusstsein völlig überfordert. Niemand in Korea käme auf die Idee, nur einmal am Tag das Geschirr zu spülen, um Wasser und Spülmittel zu sparen."

Am nächsten Morgen steht Kil-soon schon um vier Uhr früh in der Küche und kocht. Heute will sie mit Erika das Grab ihres Mannes besuchen und das Ahnenfest feiern, bei der nach konfuzianischem Brauch die Seele des Toten mit den Verwandten speist. Erika, die überzeugte Christin ist, stutzt: "Du befolgst ein antichristliches Ritual?" - "Zuallererst bin ich Koreanerin, dann Katholikin", sagt Kil-soon.

Der Friedhof Seonghwan liegt zwei Stunden südlich von Seoul. Fast 4000 Grabsteine ziehen sich den Hang entlang bis hinauf zu einem weiß leuchtenden Jesuskreuz. Song-kyung zupft etwas Unkraut vom Grabhügel ihres Vaters. Kil-soon breitet ein blaues Picknicktuch aus und richtet die Mahlzeit an. Rote Speisen auf die Westseite, weiße auf die Ostseite, immer in ungerader Zahl: drei Gemüsesorten - Blumenglockenwurzel, Spinat, Farnkrautsprössling. Drei Früchte- Birne, Mandarine, Honigmelone. Dazu Rindersteak, Fisch und natürlich frischen Kimchi.

Drei Räucherstäbchen glimmen. Kil-soon und ihre Tochter verneigen sich tief. Becherweise gießen sie dann Reiswein über das Grab. Erika sitzt ein wenig abseits und betet.

Schließlich ziehen die Frauen das Tischtuch neben das Grab. Alles muss aufgegessen werden, so will es der Brauch. "Und bestimmt wollte es so auch mein Mann", sagt Kil-soon. "Er liebte das Picknick an den Gräbern seiner Verwandten." Dann lässt sie den Erinnerungen freien Lauf: an die schönsten Hochzeitstage, an die Weltreise, die sie immer geplant hatten . . . Erika nimmt ihre Freundin in den Arm. Bald wird Kil-sonn zu ihr nach Weingarten kommen - das ist immerhin eine Reise um die halbe Welt.